Donnerstag, 23. August 2012

Buchkritik: Mitra Devi, Seelensplitter

Eine Firma und mehrere Leichen


Mitra Devi schrieb ihren dritten Fall um die Privatdetektivin Nora Tabani


Eine Lagerfirma in der Schweiz feiert ihr 20jähriges Jubiläum. Die gesamte
Belegschaft ist eingeladen, da kommt es zum Eklat. Gerhard Kowalski,
der Firmenchef wirkt stark alkoholisiert, benimmt sich Frauen gegenüber
anzüglich und denkt, dass er fliegen kann. In diesem Wahn stürzt er über
das Terassengeländer. Jeder glaubt an Selbstmord oder an einen Unfall,
nur die Sekretärin Sarah Dobler nicht. Sie engagiert die Privatdetektivin
Nora Tabani, die die "Ermittlungen" aufnimmt. Kowalski war nicht sonderlich
beliebt. Als ein weiterer Mitarbeiter auf einem Bootsausflug auf ähnliche
Weise stirbt, erhärtet sich der Verdacht auf Mord. Und dann finden sich
bei den Toten seltsame Knollen. Sie stammen von einer hochgiftigen Pflanze
namens Alraune, die Halluzinationen hervorruft. Einer der Angestellten
siehlt Wertgegenstände aus vermieteten Lagerboxen von Kunden, ein
anderer hat ein Verhältnis mit Antje, der Gattin des toten Geschäftsführers Kowalski.
Sie schimpft über den Fremdenhass gegen die Deutschen in der Schweiz.
Die Autorin Mitra Devi, die in Zürich aufwuchs, ist Journalistin und war
Stadtschreiberin von Leipzig. Sie verfasste Kurzgeschichten und bislang
vier Krimis um die engagierte Privatdetektivin Nora Tabani. In dem dritten
Fall gelingt es der Autorin, ein Geflecht von Beziehungen herzustellen, das in
jede Richtung gehen kann. Sie mischt gekonnt die Ermittlungen mit parallel
laufenden Handlungsschienen, in denen eine psychisch gestörte Frau mit
Giftpflanzen hantiert und verleiht ihren Charakteren ein Privatleben mit
Affären und Armouren. Obwohl relativ bald klar ist, wer der Mörder zu
sein scheint, bleibt das Motiv lange im Dunkeln. Auch die Leidenschaft
von Gerhard Kowalski für Waffen ergibt zunächst keinen Aufschluss. Mitra
Devi ist eine talentierte Schriftstellerin mit psychologischem Gespür. Der Plot
ist sehr ungewöhnlich und mit ihm führt die Autorin den Leser ein bisschen
an der Nase herum.
(c) Corinna S. Heyn


Mitra Devi,
Seelensplitter.
Nora Tabanis dritter Fall.
272 Seiten.
Appenzeller Verlag 2010
Preis: 38 Sfr./25 Euro

Montag, 28. Mai 2012


Ein Gespür für die Armen

Francisco González Ledesma, Die Rache der Träumerin

Paquito hilft einem Rollstuhlfahrer über den
Weg und bezahlt dafür mit seinem Leben. Seine
Witwe heißt Esther. Sie ist bescheiden, lebt
in einer kleinen Wohnung in Barcelona. Inspektor
Méndez mischt sich in diesen Fall ein. Er trifft
den gepflegten Abel, der in seiner Jugendzeit
in Paquito verliebt war. Méndez wittert sofort
Morgenluft, als er von der Wiederbelebung des
Verhältnisses zwischen Paquito und Abel hört. Die
gedemütigte Ehefrau hat wohl aus Eifersucht einen
raffinierten Mord begangen. "Sie fühlt sich wie
in einem Käfig, frustriert, nicht einmal mehr
als Objekt, was ja letztlich noch einen Wert
beinhaltet, sondern als Alibi-, Tarnfrau, bedeutungslos",
denkt sich der Kriminalbeamte. Doch damit liegt
er falsch. Esther, Paquito und Abel lebten seit
einiger Zeit zusammen. Die Erklärung Abels lautet: "Esther
hatte in ihrer Jugend nicht mehr als den Montjuic
zum Joggen, das Casino zum Träumen (...). Sie wusste,
das Leben helt nicht mehr für sie bereit (...). Und dann
geschah das Wunder: Paquito trat in ihr Leben." Sie
wollte ihren Mann und ihr Zuhause nicht verlieren, also
nahm sie alles hin. Gemäß Abel pflegte sie Kontakt zu
der gutsituierten Kurtisane Eulalia, die einen reichen
Geliebten hat. Ricardo heißt er, der die gewöhnliche
Lali in ferne Länder führt, mit ihr in erlesenen
Restaurants speist und ihr Modeschmuck-Kopien schenkt -
Kopien von teurem Geschmeide. Als Lali ihrer Freundin
Esther von einer geplanten China-Reise erzählt, will
Esther Ricardo kennenlernen. Undschuldig fragt sie, ob
sie die beiden nicht einmal in ein Restaurant einladen
darf. Abel hingegen will nach dem Tod von Paquito aus
der Wohnung bei Esther ausziehen. Und er will - genau
wie Esther - mehr über diesen ominösen Ricardo erfahren.
Doch bei den Nachforschungen gibt es noch mehr Tote als
bisher. Francisco González Ledesma war Anwalt und zudem
Chefredakteur der "La Vanguardia", die unter Franco
verboten wurde. Der Spanier schrieb 400 Krimis und
ersann sich die Figur des schrulligen Inspector Méndez.
Ledesma wurde mehrfach für seine Werke ausgezeichnet.
"Die Rache der Träumerin" ist ein feinsinniger Krimi
literarischen Formats mit einem guten Touch an Gesellschaftskritik.
(c) Corinna S. Heyn


Francisco González Ledesma,
Die Rache der Träumerin.
Kriminalroman
Ehrenwerth Hardcover 2011
Aus dem Spanischen von
Sabine Giersberg
www.luebbe.de

Samstag, 28. April 2012



Mafia, Mord und kulinarische Köstlichkeiten

Andrea Camilleri dreht auf mit "Das Ritual der Rache"

Commissario Salvo Montalbano hat einen neuen Fall.
eine zerstückelte, männliche Leiche mit hinuntergeschlucktem
Gebiss in einem Müllsack aufgefunden. Die Leiche
wurde zerteilt, sodass die Identifikation schwierig
wird. Parallel dazu benimmt sich auf einmal der Vize
von Commissario Montalbano Mimì Augello sehr merkwürdig.
Er ist laufend gereizt und macht eigenartige Nachtschichten,
von denen Montalbano zunächst gar nichts weiß. Und dann
taucht auch noch eine schöne, junge, sinnliche Kolumbianerin
auf namens Dolores Alfano, die ihren Mann als vermisst
meldet und Montalbano fast um den Verstand bringt. Dieser
benimmt sich ohnehin sehr autoritär, wie eine Machtinstanz,
die unerbittlich gegen jeden Widerstand regiert. Zur Not
mit vulgären Flüchen oder skurrilen Scherzen. Ganz losgelöst
von Zwängen. Andrea Camilleri scheint Spaß daran zu haben,
sein Alter Ego die wildesten Dinge in einer Art Altersfreiheit
machen zu lassen. Dieses Mal lässt er den Commissario
sogar eines seiner - also Camilleris - Bücher lesen und darin
Spuren zu dem potentiellen Mafia-Verbrechen an einem Abtrünnigen
entdecken. In einer christlichen Szene, als Judas Jesus verrät.
Diese Absurditäten gepaart mit dem Duft von Sizilien, des
Essens und der Sinnlichkeit machen diesen Roman so lesenswert
bis zum Schluss. Es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu
legen. Es wird gelogen, alles geht ein wenig langsamer zu und
vor allem wesentlich unkonventioneller als in einem anderen
europäischen Land. Andrea Camilleri weiß, wie er den Leser
fesseln kann. Er schlägt Haken wie ein Hase. Und das macht
seine Romane so lebendig. Sie sind nicht nur Krimis, sondern
auch immer ein Stück Sizilien mit der Liebe des Autors zu
seiner Heimat gemalt. Wäs wäre ein Leben ohne Commissario
Montalbano!
(c) Corinna S. Heyn


Andrea Camilleri,
Das Ritual der Rache.
Commissario Montalbano vermisst einen guten
Freund.
Aus dem Italienischen von Moshe Kahn.
Bastei Lübbe 2012.
Preis: 19,99 Euro
www.luebbe.de


Hörbuch
Bodo Wolf liest "Das Ritual der Rache"
Bearbeitete Fassung
4 CDs , 271 Minuten Laufzeit
Lübbe Audio 2012
www.luebbe.de